Kodex
Resultate sind unsicher – auch unter den erfahrensten Fotografen. (Matthew Brady)
Wenn Fotografen ihre Kamera in die Hand nehmen, wollen sie anderen Menschen mit ihren Bildern etwas zeigen. Aber was? Aus Gesprächen kenne ich die Antwort der Mehrheit: „Die Wirklichkeit“. Aber liegt zwischen „Wollen“ und „Tun“ nicht oft ein großer Unterschied?
Ein Beispiel: Portrait-Fotografen bilden ihr Modell so ab, dass es auf den Betrachter eine besondere Wirkung vermittelt. Schon bei der Vorbereitung des Shootings wird das Modell geschminkt, mit Anweisungen in die rechte Position gerückt, die Lichtsetzung noch einmal überprüft. Fotografiert wird idealerweise im Studio vor weißer Wand, damit die spätere Bearbeitung des Bildes leichter von der Hand geht. Für wehende Haare sorgen Ventilatoren. Ist das entstehende Foto tatsächlich ein Abbild der Wirklichkeit?
Ein anderes Beispiel: Ein Naturfotograf möchte einen Pilz fotografieren, den er auf einer frühmorgendlichen Wanderung im Wald entdeckt hat. Leider stört ein heruntergefallenes Blatt die Komposition, es wird kurzerhand entfernt. Anschließend wird mit einem Aufheller die Lichtführung korrigiert und die Kamera ausgelöst. Vermittelt das entstandene Bild die Realität?
Malen mit Licht
Natürlich ist es immer Glück. (Henri Cartier-Bresson)
Beide Szenarien haben ihre Berechtigung: Im ersten soll das Modell auf den Betrachter schmeichelhaft oder anziehend wirken, vielleicht respektvoll und bewundernswert. Im zweiten geht es ebenfalls darum, die Schönheit - und nicht die Realität - der Natur möglichst perfekt abzubilden. Warum auch nicht - es hat seinen Reiz! Schließlich „malt“ man mit seiner Kamera: Manchmal Menschen, manchmal Natur, manchmal etwas anderes. Aber immer mit Licht.
Kodex: Wirklichkeitsabbildung
Man muß sich beeilen, wenn man etwas sehen will. Alles verschwindet. (Paul Cezanne)
Mein fotografischer Schwerpunkt liegt auf der Natur- und Landschaftsfotografie. Alle von mir veröffentlichten Bilder entsprechen von der Komposition der Realität. Ich empfinde es als meine Pflicht gegenüber dem Betrachter, keine Manipulationen zu präsentieren. Interessant ist schließlich, was die Natur tatsächlich im Stande zu leisten und zu zeigen ist. Würden wir Fotografen idealisierte Informationen in die Welt transportieren, wären kultivierte Vorstellungen die Folge.
Dennoch: Die Fotografie ist im Stande zu zeigen, was das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann. Dies können Lang- oder extreme Kurzzeitbelichtungen, aber auch Brennweitenveränderungen sein. Eben jene technischen Möglichkeiten, die das Werkzeug der Lichtmalerei - der Fotoapparat - bietet. Malen mit Licht heißt nicht: Wir dürfen nur zeigen, was der Mensch sehen kann. Im Gegenteil: Die Fotografie ist ein Instrument, dem Menschen Phänomene zu offenbaren, welche ohne die Kraft der Bilder wohl unbemerkt blieben. Realitätsabbildung darf also keine Einschränkung der Kreativität bedeuten.
Kodex: Bildbearbeitung
Digitalfotografie ermöglicht uns nicht nur, Erinnerungen festzuhalten, sondern auch, welche zu kreieren. (James Wayner)
Meine Bilder sind teilweise bearbeitet. Häufig lässt es die Aufnahmesituation nicht zu, auf die Korrektheit von Farbton, Sättigung, Weißabgleich oder Gradation zu achten. Oftmals ist es sogar der Fall, dass sich beim späteren Betrachten der Bilder auf einem großen Bildschirm ganz andere Wirkungen abzeichnen, als man sie noch auf dem kleinen Kameradisplay gesehen hat. Bearbeitungen bleiben demnach immer dezent, es gibt keine gravierenden Eingriffe in das Bildmaterial. Diese umfassen neben o.g. Arbeiten bspw. auch die Umwandlung eines Farbfotos in ein schwarz-weiß-Bild mit anschließender Nachbearbeitung. Montagen werden - sollten sie vorkommen - als solche gekennzeichnet.
Kodex: Schutz der Natur
Natur fotografieren ist Erleben aus erster Hand. (Fritz Pölking)
Ich habe es zum Glück nur selten erlebt, dass Menschen die Rechte der Natur missachten, um „bessere“ Bilder machen zu können. Oberstes Gebot - nicht nur für uns Fotografen - ist die langfristige Erhaltung und der Schutz der Natur. Damit auch unsere Nachfahren die Kraft der unberührten Landschaften erfahren dürfen.
Konkret bedeutet dies zum einen, die Natur so zu belassen, wie sie ist. Die Begegnung mit der Natur muss vorsichtig und nachhaltig sein. Das Wohl von Pflanzen, Tieren und auch anderen Menschen steht über dem (Bild-)Recht des Einzelnen. Wir dürfen zeigen, wie wir diese Landschaften und ihre Formationen sehen und begreifen. Wir dürfen versuchen, unser Gefühl zu vermitteln. Wollen wir etwas abbilden, haben wir jedoch kein Recht dazu, das Original der Natur zu verändern. Eine Möglichkeit hierfür ist die Nachbearbeitung am heimischen Computer, sollten wir der Meinung sein, dass eine Veränderung notwendig ist.
Andererseits steht auch die Vermeidung der Störung der Natur im Vordergrund. Wenn ich z.B. eine Eule fotografiere, dann darf nicht ihre Ruhe und ihr Lebensraum beeinträchtigt werden. Erstens besteht die Möglichkeit, dass das Tier flieht und den Fotografen gänzlich ohne Bild zurücklässt. Zweitens könnte dies gefährliche Folgen haben - Wildtiere werden sich und ggf. ihren Nachwuchs verteidigen. Und drittens verhält sich die Eule anders, als sie es in Abwesenheit des Beobachters tun würde. Wir würden dann keine Tiere mehr in ihrem natürlichen Lebensraum fotografieren. Und wäre die entsteheden Fotografien eine Abbildung der Realität?
Schlussfolgerung
Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre. (Robert Bresson)
Digitale (Natur-)Fotografie ist häufig ein Kompromiss, die Bestimmungsfaktoren der o.g. Kodizes nicht immer trennscharf. Es muss aber immer gelten: Wir sind Beobachter der Natur - ob mit Kamera oder ohne. In den Lauf der Natur einzugreifen, steht uns nicht zu. Dies gilt übrigens nicht nur für das Fotografieren.
Ich freue mich, wenn Ihnen die Natur genauso viel Freude bereitet wie mir. Die ideale Ergänzung zum fotografieren ist für mich das geistige Einlassen auf die wunderbaren Phänomene, die uns unsere Erde schenkt. Es liegt in unserer Hand, diese für uns und unsere Nachkommen zu erhalten.
Herzlichst,
Ihr
Sebastian Gerth
info@sebastian-gerth.com














